Wie ich aus Versehen 180 Stunden Zeit pro Jahr gewann

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Es passierte einfach so – und über Nacht gewann ich 180 Stunden Zeit pro Jahr.

Dabei habe ich gar nicht viel gemacht – nur mir etwas bewusst vor Augen geführt. Und dann gehandelt.

Also das, was ich Kontemplaktion nenne.

Und es funktionierte. Zugegebener Maßen auch, weil ich das, was vorher für mich so wichtig schien, einfach vergaß.

Aus Versehen gewann ich somit eine halbe Stunde pro Tag wertvolle Zeit.

Und mittlerweile habe ich die Technik auch noch weiter angewendet – und noch einmal über 200 Stunden Zeit pro Jahr gut gemacht.

Und das ohne Hexenkunst oder Raketenwissenschaft.

Aber der Reihe nach…

Es beginnt damit, die Dinge auf ihren wahren Wert zu hinterfragen.

Ich habe die ersten beiden Artikel in meinem neuen Blog dem gewidmet, aufzuzeigen, wie unterschätzt eigentlich der Wert von Zeit ist.

Statt einer langen Zusammenfassung hier die Quintessenz in zwei Sätzen:

Du kannst Zeit weder lagern, nich regenerieren, noch kaufen, noch wiederherstellen. Deshalb solltest du dir überlegen, worein du deine kostbarste Ressource investierst.

Es geht nicht darum, generell mehr Dinge zu tun – sondern mehr wichtige Dinge. Dabei kann die Anzahl der absolut erledigten Dinge sogar abnehmen.

Wäre es nicht sinnvoller, nach Zeitwohlstand zu trachten?

Vor längerem las ich ein Argument, welches mich ertappte und bis ins Mark traf. Der antike Philosoph Seneca verglich darin unseren Umgang mit Zeit mit unserem Umgang mit Geld. Die Gedanken von Seneca zu Geld und Zeit ließen mich nicht mehr los, nachdem ich sie einmal gelesen hatte.

Ich begann, meinen Umgang mit Zeit mit meinem Umgang mit Geld zu vergleichen. Als Selbstständiger kenne ich den Wert sehr genau, welcher ich einer Stunde meiner Lebenszeit zumesse. Ich stelle ihn vielfach im Monat in Rechnung.

Diese Brücke half mir Esel zu verstehen, wie viel vertane Zeit wirklich an Wert besitzt.

Und mit vertan meine ich nicht Zeit, die für das aktive Erholen oder Nichtstun “draufgeht”. Sondern solche Zeit, während welcher man Werbung schaut oder wahllos durch die Kanäle zappt.

Oder schlechte Filme, welche man bis zu Ende gesehen hat, und schlechte Magazine, welche man viel zu lange las.

Sitzungen, die Menschen nur nutzten, um sich selber zu präsentieren oder ihre Vorstellungen durchzudrücken.

Oder das zehnte unnötige Mal das Öffnen von Instagram, nur um zu sehen, dass es nichts relevant Neues gibt.

Gerade nutzlose Ablenkung raubt einem mehr Zeit, als die reine Dauer der Ablenkung. Es ist wissenschaftlich belegt, dass der Aufmerksamkeitsverlust durch Ablenkung bis zu 12 Minuten beträgt, bis man sich in etwas anderes vertiefen kann. Ganz schön viel “Kollateralschaden” für drei Minuten durch die Timeline scrollen…

Mittels meiner Eselsbrücke begann ich, die Verschwendung meiner Zeit hassen zu lernen. Es ging mir dabei nicht darum, mehr Zeit zu erhalten, die ich wieder in Geld umwandeln könnte durch Arbeit – sondern darum, mehr “Kapital” (also Möglichkeit) zu erhalten, welches ich sinnvoll investieren kann. Und zwar in die Dinge, die es in meinen Augen wert waren.

Ich reduzierte in der Folge sogar meine Arbeitszeit, um mehr Zeit mit meiner kleinen Tochter verbringen zu können.

Jemand nannte dies einmal “Zeitwohlstand” – und ich finde dieses Konzept sehr schlüssig. Sinnvoll genutzte Zeit ist wesentlich wertvoller als sinnvoll genutztes Geld.

Und während man nur überschüssiges Geld investieren kann, haben alle die gleichen Menge an Zeit als Anlagekapital zur Verfügung.

Selbst wenn man die maximal erlaubte Arbeitszeit von 48 Stunden abzieht, so bleiben in einer gesamten Woche noch 120 Stunden, die darauf warten genutzt zu werden.

Wenn man darüber hinaus noch 8 Stunden Schlaf pro Tag abzieht, beträgt das “Netto-Zeit-Investment-Potential” der Woche immer noch 64 Stunden.

Und trotzdem kenne ich glaube ich keine Person, welche sich über “zu viel Zeit” beklagt. Viel eher würden sich die meisten Menschen mehr Zeit wünschen. So auch ich…

Wie ich aus Versehen Zeit gewann

Ungefähr zeitgleich zu meinen Bemühungen, Zeitwohlstand aufzubauen, veröffentlichte Apple das Tool „Bildschirmzeit“, welches pro Woche die Zeit aufzeigt, welche auf den Bildschirm geschaut wurde.

Das war zu Anfangs 1 Stunde und 15 Minuten bei mir.
Jeden Tag.

Das ist zwar nur ein Drittel der Zeit, die in Deutschland durchschnittlich mit dem Handy verbracht wird, mir aber trotzdem zu viel gewesen.

(Ich habe natürlich auch ein Arbeits-Handy, was die Statistik etwas verfälscht).

Zum darauf folgenden Jahreswechsel beschloss ich, maximal 45 Minuten im Schnitt anzupeilen. Also eine Reduktion um knapp 40%.

Hier ging es mir aber nicht primär um die Quantität, sondern die Qualität. Meine Zeit am Handy sollte sinnvoll verbrachte Zeit sein, nicht Zeit, die ich mir selber stehle.

Meinen Handykonsum um 40% zurück zu fahren erschien mir engagiert, doch schon bereits Mitte Januar hatte ich dies erreicht. Und halte es mehr oder weniger bis heute durch. (Ich rechne Navi-Apps zugegebener maßen auch gelegentlich heraus, weil diese keine eigentliche “Screentime” sind.)

Innerhalb von zwei Wochen hatte ich eine halbe Stunde Zeit am Tag gewonnen – und das ehrlicherweise ohne größere Probleme und Mühen.

Eigentlich lag alles an nur einem Trick, den ich im Internet las.

Wie man es sich leicht macht: Unnützes schwer machen

Bereits vor meinem radikalem Messen meiner Handy-Verwendung hatte ich meinen Homescreen radikal vereinfacht. Nur noch wenige Ordner erwarteten mich dort.

Die Einfachheit sorgte für Ruhe und Klarheit bei der Benutzung, nicht jedoch für einen sinnvolleren Umgang mit Ablenkungen, Unwichtigem und Trivialem.

Dann las ich, dass man Apps, welche einen sehr ablenken, einfach auf die zweite Seite eines Ordners schaffen solle.

Das waren bei mir Facebook und Instagram, mit welchen ich über 40 Minuten am Tag verbrachte.

Da dies eher meiner Neugier und Ablenkung diente, als mich wirklich weiter zu bringen, entschied ich, beide Apps einfach aus dem ersten Blickfeld zu entfernen.

Kein „Aufmerksamkeitsfresser“ auf den ersten Blick zu erkennen. Auch wichtig für den Seelenfrieden: die roten „Zähler“-Blasen an jeder App aktiv verbieten, denn diese würden auch beim Ordner erscheinen und vortäuschen, dass etwas „Wichtiges“ warten würde…
Die erste Ansicht: Nur das Wesentliche- zum weniger Wesentlichen muss ich swipen. Zeit und Aufwand, der es erschwert und dafür sorgt, dass man es bewusst tut

Dies bringt den riesigen Vorteil mit sich, dass es etwas aufwändiger ist, dort hin zu gelangen – und in diesem Zug man genügend Zeit hat, sein Anliegen kritisch zu hinterfragen.

Gleichzeitig ging ich ja auch kein Risiko ein, was es mir leicht machte, den Wechsel zu vollziehen. Denn sollte ich es bereuen, könnte ich es ja immer wieder direkt rückgängig machen.

Und damit es nicht zum Selbstbetrug ausartete, schaltete ich darüber hinaus quasi sämtliche Benachrichtigungen aus. Noch nicht einmal die roten Blasen am Icon kündeten mir davon, etwas verpasst zu haben.

Und da mir Facebook schon länger als Zeitverschwendung auffiel, ich mich aber gleichzeitig noch weniger von instagram verabschieden konnte, nahm ich mir vor, Facebook nur noch jeden zweiten Tag zu öffnen – und instagram einmal jeden Abend…

Soweit mein Versuchsaufbau…

Wenn dich die Realität überholt

Das überraschende Resultat: Ich vergaß Facebook!

Teilweise habe ich nun einen Monat lang nicht in meinen Account hineingeschaut. Das führte zu folgenden Stilblüten in der Mitteilungszentrale (dort vergaß ich Facebook auszuschalten, da schaue ich aber auch nicht hin).

Ich blendete also Facebook unbewusst komplett aus. Etwas, das mir sonst täglich so wichtig erschien, dass ich unbedingt mindestens einmal am Tag durch scrollen musste, verschwand von einem auf den anderen Tag gänzlich aus meiner Wahrnehmung.

Und das bescherte mir den angenehmen Nebeneffekt, dass die sonst verplemperte Zeit frei wurde für andere Dinge. Statt 40 Minuten verbringe ich fortan maximal 10 Minuten pro Tag in den Sozialen Netzwerken. Was mir 30 Minuten mehr Zeit schenkt.

Ein Zeittransfer, den ich wie einen täglichen Schatz wahrnehme.

Und der sich im Sinne des Zeitwohlstandes wirklich lohnt: statt in nutzlose Zeit, investiere ich die halbe Stunde auf „Zeit-Konten“, welche auf meine Lebensqualität einzahlen.

Und das summiert sich auf.

Denn eine halbe Stunde pro Tag sind 180 Stunden im Jahr. Oder anders gerechnet: das Netto-Zeit-Investement-Kapital von drei gesamten Wochen, welche ich nun deutlich sinnvoller einsetze. Und sei es nur dafür, in der Zeit nichts zu tun, zur Ruhe zu kommen oder einfach mal zu verschnaufen.

Und verpasse ich etwas? Seit nun 11 Monaten gab es nicht einen Moment, bei dem ich so fühlte. Vielmehr ärgerte ich mich noch viel zu oft über den dünnen Nährwert, den mir manche Update-Checks bei Instagram brachten.

Also fing ich irgendwann an, dort den gleichen Trick anzuwenden. Ich hatte ja instagram bereits ebenfalls auf die zweite Seite verbannt – nun nahm ich mir vor, es nur noch jeden zweiten Tag zu checken.

In der Folge sank meine Bildschirmzeit noch einmal von knapp 40-45 Minuten auf durchschnittlich 33 Minuten am Tag.

Auch, weil ich das bis vor kurzem doch ach so wichtige instagram immer häufiger vergesse…

Diese 10 Minuten am Tag mögen gering erscheinen – summieren sich im Jahr aber auf den stolzen Betrag von 60 Stunden. Und dabei ließ ich es nicht beruhen…

Wie –nicht mehr ganz aus Versehen– noch 200 Stunden pro Jahr hinzukamen

Meine reduzierte Social-Media-Zeit wurde zu einem wertvollen Tauschhandel – also beschloss ich, dieses System auch auf andere Bereiche anzuwenden.

Nach dem gleichen Prinzip verbannte ich Spiegel Online auf die zweite Seite meines Ordners – und schaute nur noch die Tagesschau abends. Irgendwann ließ ich auch dies sein (auch angetrieben von Rolf Dobelli (LINK EINFÜGEN))) – und checke seitdem einmal in der Woche die zusammenfassenden Wochennachrichten des Deutschlandsfunk in leichter Sprache.

Die Ersparnis: Mindestens 15 Minuten am Tag, also weitere 90 Stunden pro Jahr.

Bereits ein paar Monate zuvor hatte ich mir einen großen weiteren Zeitfresser entledigt: Branchen-News. Diese sind zwar unverzichtbar, jedoch verlor ich pro Tag viel Zeit damit, alle möglichen Seiten aufzurufen, um zu gucken, was es neues gab.

Dank der App Feedly kann ich nun alle News gesammelt überblicken, welche seit dem letzten Check angefallen sind. Damit lasse ich meinen Arbeitstag jeweils 10 Minuten lang ausklingen. Früher habe ich bestimmt 30-60 Minuten pro Tag darauf verwendet, mit den Branchengeschehnissen aufzuholen. Zeitersparnis hier: mindestens noch einmal eine halbe Stunde pro Werktag, also knapp 100 Stunden im Jahr.

Auch wenn Geiz in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen wird – mit meiner Zeit zu geizen verhalf mir so zu über 400 Stunden mehr Zeit im Jahr. Zeit, welche ich nun in mir wertvollere Dinge investiere als nur mit dem Welt-, Branchen- oder Sozialgeschehen Schritt zu halten.

Denn es geht nicht darum, die Stunden zu zählen, sondern die Zeit in etwas zu investieren, was zählt.

Hast du „Spartricks“ für Zeit? Hinterlasse uns diese doch in den Kommentaren.

Themenseiten:

– Zeitwohlstand
– Zeit gut machen (Produktivitätstipps & Zeitmanagement)
– Hebelwirkung

Zeit gut machen – Produktivitäts Tipps & Tricks

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