Von der Kürze des Lebens — Kapitel 4 (De brevitate vitae 4)

Neu-Übersetzung von Senecas Von der Kürze des Lebens – Kapitel 4

Du wirst sehen: Auch die Mächtigsten und höchsten Menschen sehnen sich nach Muße.
Sie zelebrieren diese und ziehen sie all ihren Gütern vor.

Sie wünschen sich manchmal, von ihrer Höhe herabzusteigen –zumindest abgesichert. Denn obwohl von außen nichts anzugreifen oder zu zerbrechen droht, so bricht das Glück doch von selbst zusammen.

Der vergötterte Augustus selbst hörte nicht auf, um Ruhe zu flehen und um Rückzug von den Amtsgeschäften zu bitten. Und ihm standen die Götter mehr als jedem anderen Menschen bei! Alle seine Gespräche kehrten immer wieder zu diesem Punkt zurück: seiner Hoffnung auf Müßiggang.

Mit diesem süßen –aber eitlen– Trost, eines Tages nur für sich selbst leben zu können, versuchte er seine Arbeitslast zu erleichtern.

Er versprach dem Senat in einem Brief, dass seine Ruhe nicht ohne Würde sein und seinen früheren Ruhm nicht schmälern werde. Dort finde ich folgende Worte:
“Diese Dinge lassen sich besser durch Taten zeigen, als durch Versprechen. Die ersehnte Wirklichkeit ist jedoch noch weit entfernt. Mein Verlangen nach dieser sehr erbetenen Zeit hat mich deshalb dazu gebracht, einen Teil des Vergnügens durch die Süße der Schilderung vorwegzunehmen.“

Die Muße schien ihm so begehrenswert, daß er sie in Gedanken vorzog, weil er sie in Wirklichkeit nicht erreichen konnte.

Er, der über das Schicksal von Menschen und Völkern bestimmte; der wusste, dass alles nur von ihm abhängig war. Und doch dachte er am freudigsten an jenen Tag, an dem er seine Erhabenheit ablegen können sollte.

Er hatte erfahren, wie viel Schweiß all die Herrlichkeit kostet, die in alle Welt strahlt – und wie viele geheime Sorgen sie verbirgt. Er wurde gezwungen, Blut zu vergießen – an Land und auf See. Zuerst von seinen Landsleuten, dann von seinen Kollegen und schließlich musste er gegen seine Verwandten die Waffen erheben.

Er folgte der Spur des Krieges durch Mazedonien, Sizilien, Ägypten, Syrien, Kleinasien und nahezu alle Küsten. Und als seine Truppen des Blutvergießens an Römern müde waren, führte er sie in auswärtige Kriege.

Er befriedete die Alpenregionen und unterwarf die Feinde, welche sich in Friedenszeiten in das eigene Gebiet drängten. Er dehnte sogar die Grenzen des Reiches über den Rhein, den Euphrat und die Donau hinaus aus. Doch währenddessen wurden in Rom selbst die Schwerter geschärft, um ihn zu töten. Von Murena, Caepio, Lepidus, Egnatius und anderen.

Kaum war er diesen Verschwörungen entkommen, da bereitete auf seine alten Tage seine Tochter ihm Unruhe, welche mit adligen Jünglingen durch Ehebruch wie durch einen heiligen Schwur verbunden war. Und da war noch Paulus. Sowie das zweite Mal der Druck, eine Frau zu fürchten, die mit Antonius im Bunde stand.

Diese Geschwüre schnitt er mit den Gliedern ab, doch andere wuchsen an ihrer Stelle nach. Wie in einem eitrig aufgedunsenen Körper bricht immer irgendwo ein Riss auf.

Und so sehnte er sich nach Ruhe – in der Hoffnung und mit dem Gedanken, Erleichterung von seinen Mühen zu finden.

Das war der Wunsch dessen, der in der Lage war, die Wünsche der Menschheit zu erfüllen.